Wie Flüchtlingskinder in den Schulalltag integriert werden

Die Heinrich-Böll-Schule packt die anstehenden Herausforderungen an.

Zum neuen Schulhalbjahr hat die Henrich-Böll-Schule zwei sogenannte Sprachintensivklassen für Flüchtlingskinder und Kinder ohne Deutschkenntnisse eingerichtet. 32 Jungen und Mädchen im Alter von 10 bis 16 Jahren stammen aus sieben verschiedenen Ländern und sprechen acht unterschiedliche Sprachen. Sie zu unterrichten, ist eine anspruchsvolle Aufgabe.
Bildung und Spracherwerb sind entscheidende Faktoren für Integration, deshalb hat die Heinrich-Böll-Schule Vorbereitungen getroffen, um der wachsenden Zahl von Flüchtlingskindern gerecht zu werden. Zu Schuljahresbeginn im September gründete die Fürther Schule die erste sogenannte Sprachintensivklasse. In dieser Klasse waren zunächst 16 Kinder aus sieben verschiedenen Ländern (Syrien, Kosovo, Albanien, aber auch aus Italien, Polen, Uruguay und der Türkei), die acht verschiedene Muttersprachen sprachen. Im Winter verließen die albanischen Kinder Deutschland, dafür kamen in kurzen Abständen 17 neue Schüler vor allem aus Syrien und dem Irak, aber auch aus Kasachstan und Ungarn. Damit war klar, dass es ab Februar eine zweite Sprachklasse geben musste.
Alles fing vor einem Jahr an, als vier syrische Kinder ohne Deutschkenntnisse an die integrierte Gesamtschule kamen und in den Schulalltag eingegliedert werden mussten. Dies gelang zunächst durch täglich eine Stunde Deutschunterricht bei der Lehrerin Brigitte Harder und an drei Nachmittagen eine Doppelstunde mit Jenny Dörsam, die arabisch spricht, da ihre Mutter aus Syrien stammt. Kurz darauf kamen vier Kinder aus Albanien, ein türkischer Junge und ein weiteres syrisches Mädchen. Im Juli gab es an zwei Tagen Unterstützung durch eine Deutschlehrerin aus Lampertheim. Schnell wurde den unterrichtenden Pädagogen deutlich, dass eine Sprachintensivklasse gebildet werden muss, um den Kindern auch wirklich gerecht zu werden.
Seit Februar sind die 32 Flüchtlingskinder sowie Kinder ohne Deutschkenntnisse auf zwei Klassen aufgeteilt. Der Unterricht besteht aus 18 Stunden Deutschunterricht, zwei Stunden Mathematik und zwei Stunden Sport. Das wichtigste Lernziel ist hier, die deutsche Sprache zu erlernen. Zu Beginn ist es richtig und wichtig, die Kinder in solch einer speziellen Klasse unterzubringen. Je nach Lernfortschritt werden die jungen Migranten aber schnell in den Regelunterricht integriert. Bei manchen ist dies schon nach einem halben Jahr möglich, bei anderen frühestens nach einem Jahr. "Zu Beginn benötigt mein Unterricht vor allem Mimik, Gestik und Bilder. Die größte Herausforderung besteht darin, dass so eine Gruppe extrem heterogen ist. Einige lernen sehr schnell die neuen Wörter und die schwierige Grammatik. Andere Kinder wiederum können manchmal noch nicht mal in ihrer eigenen Sprache schreiben oder lesen", erklärt die Lehrerin Brigitte Harder. Aber auch in anderen Fächern wie beispielsweise Mathematik sind große Unterschiede zu erkennen. Viele können mit dem Zahlensystem und den verschiedenen Rechenarten bestens umgehen, doch dann gibt es auch immer wieder Kinder, denen die mathematische Grundkompetenz völlig fehlt.



Die vielen verschiedenen Fahnen zeigen es: In den beiden Sprachintensivklassen der Heinrich-Böll-Schule begleiten Brigitte Harder (rechts) und Irene Ebert (links) Jungen und Mädchen aus sieben verschiedenen Ländern mit acht unterschiedlichen Sprachen auf dem Weg zur deutschen Sprache.


Als Französischlehrerin kennt sich Brigitte Harder in der Fremdsprachendidaktik aus, sie unterrichtete bereits Deutsch als Fremdsprache in Frankreich und an der Volkshochschule, in Weiterbildungen hat sie zudem weitere Kenntnisse erworben. Auch Irene Ebert, die jetzt für die zweite Klasse zuständig ist, kann auf bereits gewonnene Erfahrungen zurückgreifen, denn sie unterrichtet seit Jahren Deutsch als Zweitsprache an der Heinrich-Böll-Schule. In ihrem Unterricht gelingt es ihr bereits mit den Schülern, kleine Diktate, Grammatikübungen und sogar Aufsätze zu schreiben. "Nur Vokabeln zu lernen, genügt nicht. Die Kinder müssen miteinander in deutscher Sprache reden. Auch müssen sie die deutsche Kultur und Lebensweise kennenlernen", sagt Irene Ebert. In einigen Wochen wird sie deshalb mit ihren Schülern u.a. einen Supermarkt besuchen, wo diese Lebensmittel einkaufen und dabei auch mit den Verkäufern sprechen sollen.
Neben dem Spracherwerb müssen die Kinder schnell in das Leben in Deutschland eingeführt werden. Das beginnt mit der Mülltrennung oder dem sicheren Schulweg mit Zebrastreifen und Fahrradweg, typische deutsche Gebräuche und Feste wie die Martinslaternen, die Adventszeit oder Weihnachten müssen den Kindern nahegebracht und erklärt werden. "Damit meine Schüler während der Faschingszeit keinen Kulturschock bekamen, habe ich mit ihnen auch diese Tradition thematisiert, die für uns ganz normal ist", erklärte Brigitte Harder. Gemeinsam haben sie bunte Masken und Hüte gebastelt und schließlich zog die ganze Gruppe am Faschingsfreitag mit passender Musik in einer Polonaise durch das Schulhaus und feierte mit Chips, Berlinern und Apfelsaftschorle im Klassenzimmer Fasching.



Für jede Menge Spaß und Freude sorgten einige Schülerinnen der Karl Kübel Schule mit ihrem selbst organisierten Projekt. Sie spielten mit den Flüchtlingskindern verschiedene Spiele und backten Pizza mit ihnen.


Vor einigen Wochen haben es sich sechs Schülerinnen der Karl Kübel Schule in Bensheim zur Aufgabe gemacht, im Rahmen eines Projekttages mit den Flüchtlingskindern der HBS zu arbeiten. Mit ihrem selbst organisierten Projekt sorgten die Schülerinnen Katharina Prskalo, Melina von Ayx, Alycia Schäfer, Mirela Hot, Ilaria Trisolini und Elisa Rafet bei den jungen Migranten für Spaß und Freude. Mit bekannten Spielen wie "Mein rechter, rechter Platz ist leer" oder "Die Reise nach Jerusalem" lernten sich die Jugendlichen und Kinder kennen. Auch die Referendarin, Günes Kortak, nutzte die Chance, einen Einblick in die Arbeit einer Sprachklasse zu gewinnen. Schnell war das Eis gebrochen, sodass es zum Pizza-Backen in die Schulküche ging. Ausgestattet mit Messer, Brettchen und Schüssel machten sich die Schüler eifrig ans Werk. In einigen Ecken wurde gewaschen, geschält und geschnippelt, in anderen wurde bereits der Teig ausgerollt und belegt. Schon nach kurzer Zeit duftete es auf den Gängen der HBS so lecker, dass bald neugierige Köpfe zur Tür reinragten und auf einen abfallenden Leckerbissen hofften. Nachdem die Tische gedeckt waren, wurde in großer Runde das selbstzubereitete Mittagessen eingenommen. In einer abschließenden Feedback-Runde zeigten die Schüler mit wenigen Worten ihre große Begeisterung. "Es war toll, wie sehr sich die Kinder gefreut haben. Dieser Tag hat auch bei uns großen Eindruck hinterlassen", erklärten die jungen Damen abschließend einstimmig. "Die Kinder sprechen immer noch gerne über diesen Tag und darüber, dass die "großen Mädchen" sich so viel mit ihnen beschäftigt haben", bestätigte Brigitte Harder.
Ein schönes Beispiel der deutschen Willkommenskultur zeigt die Klasse 7/1 von Christina Hantke. Regelmäßig erstellen die Schüler mit viel Eifer einen Plan mit unterschiedlichen Programmpunkten für eine Schulstunde. So spielen sie einmal pro Woche beispielsweise in kleinen Gruppen in der Mediothek oder auf dem Schulhof und leisten so einen wertvollen Beitrag zum Miteinander und zur Integration.
Zu erwähnen ist auch die gute Zusammenarbeit mit Sarah Dickmeis von der Orbishöhe, die im Rahmen der Familienhilfe die Familien betreut. Aber auch die Schüler, die schon länger in Deutschland sind, helfen und unterstützen die Arbeit in der Sprachklasse, denn sie kommen zum Übersetzen vorbei oder üben mit einzelnen Kindern. Brigitte Harder ist dankbar für all diese Hilfe und Unterstützung, auch aus dem Kollegium und der Schulleitung, denn: "Nur gemeinsam können wir das schaffen, aber dann schaffen wir das auch!"
"Sprache ist eine wesentliche Brücke zur Integration und kann im Umkehrschluss eine erhebliche Barriere für gesellschaftliche Teilhabe sein. Von daher ist es wichtig, dass wir als Schule nicht alleine gelassen werden. Wir benötigten Ressourcen, Schulungen und Konzepte, um diese große gesellschaftliche Aufgabe noch besser meistern zu können. Es muss Unterstützung geben und für die werde ich mich als Schulleiter weiterhin stark machen und einsetzen", so Alexander Hauptmann, der Leiter der integrierten Gesamtschule.