"Ohne Kippe" - Eine schonungslose Aufklärung

Das drastische Anti-Raucher-Programm konfrontierte die Siebtklässler der Heinrich-Böll-Schule (HBS) mit Menschen, die an Lungenkrebs erkrankt sind.

"Wir wollen nichts beschönigen oder gar verschleiern, sondern wir wollen euch mit der echten Realität konfrontieren, die zum Teil äußerst schockierend ist", begrüßte Ruth Stern-Bernlöhr, Lehrerin für Gesundheitsberufe am Kreiskrankenhaus in Heppenheim, vergangene Woche die Schüler des siebten Jahrgangs. Sie und die Ärztin Karin Berger-Spengler waren auch in diesem Jahr zu Gast an der Fürther Heinrich-Böll-Schule. In Kooperation mit dem "Haus der Gesundheit" organisierte die integrierte Gesamtschule die Veranstaltung "Ohne Kippe", die seit Jahren fest in ihrem Präventionsprogramm etabliert ist. Die Statistiken bestätigen den Erfolg solcher Anti-Rauch-Kampagnen, denn unter jungen Menschen ist Nichtrauchen in und Rauchen zunehmend out. Die deutsche Raucherquote bei weiblichen und männlichen Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren liegt nach den aktuellen Zahlen von 2014 auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebungen. "Solch eine Veranstaltung darf nicht nur informieren, sondern muss mithilfe möglichst schonungsloser Darstellungen Emotionen wecken, die Jugendliche vom Rauchen abhalten oder abringen. Wichtig ist aber auch, dass wir ihr Selbstbewusstsein stärken, um ein deutliches Nein äußern zu können, wenn ihnen eine Zigarette angeboten wird", erklärte die Lehrerin Christina Hantke, die das Projekt organisierte.



Die aktuelle relativ geringe Raucherquote unter jungen Menschen geht auf eine ganze Reihe von Faktoren zurück, die das Nichtrauchen fördern. Auch Kampagnen wie "Ohne Kippe" bewirken diesen erfolgreichen Rückgang.


Zum Einstieg gab es einige Fakten und Zahlen, damit die Schüler eine konkrete Vorstellung zu den Risiken des Tabakkonsums erhielten. So erklärte Ruth Stern-Bernlöhr in ihrem Vortrag beispielsweise, dass Rauchen bei Weitem die häufigste vermeidbare Todesursache der westlichen Welt sei. In Deutschland allein treffe es pro Tag 380 Menschen. Auch seien es mehr als 10 Prozent der 13-jährigen Jugendlichen, die in Deutschland bereits täglich zur Zigarette greifen. Immerhin fingen 35 Prozent der Nikotinsüchtigen bereits als Kind an. "Erstaunlich ist, dass die meisten Tabaktoten gar nicht besonders starke Raucher waren, sondern früh mit den Zigaretten begonnen hatten", erläuterte sie eindringlich. Auch führte sie gesundheitsgefährdende Substanzen des Tabakrauchs an. So würden beispielweise Stoffe dazugehören, die man in Rattengift, Batterien, Unkrautvernichtungsmitteln oder Putzmitteln findet. "Wer von euch würde sich denn schon freiwillig Rattengift in die Limo gießen?", fragte sie abschließend die Gruppe. "Das ist ein Tumor, der nicht operativ entfernt werden kann", erklärte die Ärztin Karin Berger-Spengler, während es auf einmal ganz still im Saal wurde. 160 Schüler zwischen 13 und 14 Jahren blickten mit betretenen Gesichtern nach vorn auf die Leinwand, auf der gezeigt wurde, wie eine Minikamera in die Lunge eines Krebspatienten eingeführt wurde. Einige der Schüler hielten sich sofort Hände oder ihre Jacken vor das Gesicht, als die verschleimten und vereiterten Atemwege sichtbar und mit einer kleinen Zange Gewebeproben entnommen wurden. Noch während die Bronchoskopie lief, betrat eine Frau den Hörsaal und setzte sich still auf einen Stuhl im vorderen Bereich. Dann stellte die Ärztin die Dame vor, die sich für ein Schülergespräch zur Verfügung stellte. Vor vier Jahren erreichte sie die Diagnose Lungenkrebs. Sie hatte großes Glück im Unglück, denn heute kann sie, wenn auch etwas eingeschränkt, mit einem Lungenflügel leben. Sie erzählte, wie sie sich mit 13 Jahren die erste Zigarette anzündete. Sie wollte damals "cool sein" und Anerkennung von ihrer Clique bekommen. Nun durften die Schüler fragen: "Warum konnten Sie mit dem Rauchen nicht sofort aufgehört, als Sie erfahren haben, dass Sie krank sind?" - "Haben Sie Kinder? Rauchen die auch?" "Wer mit 20 Jahren nicht raucht, hat es fast immer geschafft und wird nicht mehr süchtig. Deshalb ist jedes rauchfreie Jahr wertvolle Zeit. Je älter die Schüler sind, desto weniger ihre Motivation zum Glimmstängel zu greifen", so Eveline Vieweg, für die als Stufenleiterin der siebten und achten Klassen solche Veranstaltungen auch in Zukunft als ein absolutes Muss sind.