Überlebende Opfer des nationalsozialistischen Terrors machen Schüler nachdenklich

Die Zeitzeugen sprachen vor Schülern der Heinrich-Böll-Schule über den Transport ins KZ, den letzten Blick der Eltern vor deren Hinrichtung, Hungersnöte und den Todesmarsch.

Als Zeitzeugen bezeichnet man Menschen, die ein historisches Ereignis vor Ort persönlich miterlebt haben und von ihren Erfahrungen Zeugnis geben können. Auf beeindruckender Weise erzählten fünf Menschen aus ihren Lebensgeschichten vor rund 180 Schülern der Heinrich-Böll-Schule (HBS). Obwohl die Betroffenen eigentlich gerne vergessen würden, liegt es ihnen besonders am Herzen, der kommenden Generation zu zeigen, wie wichtig Demokratie und Freiheit sind. Den Schülern der Heinrich-Böll-Schule wurde ein ganz besonders Projekt ermöglicht, denn die Zehntklässler durften in das Kloster Höchst (Odenwald) fahren, um dort einmalige Begegnungen zu sammeln, die sie noch lange berühren werden. Ganz Ohr waren die Jugendlichen, als die Zeitzeugen das dritte Reich mit seinen grausamen Verfolgungen lebendig werden ließen - keiner hatte es sich so vorgestellt. Unter dem Motto "Fragt uns, wir sind die Letzten" schilderten Frauen und Männer, die zwischen 75 und 93 Jahre alt waren, ihre Erfahrungen aus der Zeit des Nationalsozialismus, um die Schüler für eine friedliche Zukunft zu motivieren. Sie wurden u. a. in den Konzentrationslagern Auschwitz, Sachsenhausen, Ravensbrück, Buchenwald, Potulice sowie im Ghetto Sambor und im "Kinder- und Jugendlager Litzmannstadt" festgehalten. Eine Dame erzählte, wie sie als 8-jähriges Mädchen mitansehen musste, wie ihre Eltern vor ihren Augen von Soldaten erschossen wurden. Als Vollwaise war sie danach für Monate ganz auf sich gestellt und kämpfte täglich ums Überleben. Um im Konzentrationslager nicht zu verhungern, blieb ihr nichts anderes übrig, als Gras zu essen. Ein 93-jähriger Herr berichtete von seinen sechs Jahren, die er im Konzentrationslager Buchenwald verbringen musste. Immer wieder musste er beim Erzählen innehalten, da ihn die brutalen Erinnerungen und unmenschlichen Bedingungen auch nach 70 Jahren schmerzhaft übermannten. "In der Schule, durch Filme oder Bücher habe ich schon viel über dieses traurige und schreckliche Thema erfahren. Dass ich jetzt solche Menschen kennenlernen durfte, die diese Zeit tatsächlich erlebt haben, hat mich doch sehr bewegt. Zum Teil sind die geschilderten Erlebnisse so grausam, dass ich Gänsehaut bekam und nur mit dem Kopf schütteln konnte", beschrieb Laura, Schülerin im zehnten Jahrgang, ihre gewonnen Eindrücke. Die hochbetagten Zeitzeugen der Nazi-Diktatur gehören zu den letzten, die von den Verbrechen der Nationalsozialisten erzählen können. Brygida Czekanowska (87 Jahre), Wladyslaw Kozdon (93 Jahre), Henriette Kretz (81 Jahre), Barbara Kruczkowska (75 Jahre) und Alodia Witaszek-Napierala (77 Jahre) sind fünf Überlebende des NS-Terrors aus Polen und erinnern sich bis heute an die schrecklichen Erlebnisse ihrer Kindheit und Jugend. Auch waren sie nicht zum ersten Mal unterwegs, um jungen Menschen über die Schreckensherrschaft des Hitler-Regimes aufzuklären. "So etwas darf nie wieder passieren", ist dabei stets ihre eindringliche Botschaft an die Jugendlichen, die sich in die Schilderungen aufgrund ihres Lebensalter oft nur schwer hineinversetzen können.



Opfer des Nationalsozialismus kennenzulernen, sie anzuhören und ihnen Fragen zu stellen - dies wird es nicht mehr lange geben. Die Schüler der Heinrich-Böll-Schule nutzen die Gelegenheit zum Gespräch, als fünf polnische Zeitzeugen zu Gast im Odenwald waren.


"Mich hat besonders beeindruckt, dass diese Menschen in das Land zurückkommen, in dem sie so viel Leid erfahren haben. Das zeigt, wie wichtig es ihnen ist, uns zu berichten, was passiert ist", so der Zehntklässler Simon. Das Lehrerkollegium der integrierten Gesamtschule ist sich einig, so lange wie möglich, verstärkt auf Begegnungen mit Zeitzeugen zu setzen und dafür ausreichend Zeit sowie Raum zur Verfügung zu stellen. "Die Schüler spürten die Erinnerungen und konnten nachfragen. Nachfragen können sie aber bei Geschichtsbüchern, Filmen und Artikeln aus dem Internet nicht. Solange es diese Zeitzeugen noch gibt, sind sie für den Unterricht unverzichtbar, denn nur so können die Schüler Geschichte hautnah erleben und nachhaltige Erfahrungen sammeln", so Barbara Trenkwald, die als Lehrerin für Gesellschaftslehre dieses Zusammentreffen als wahre Bereicherung für die Schüler sieht. Auch die Schulpfarrerin Barbara Holzapfel-Hesselmann, die maßgeblich an der Organisation beteiligt war, wird sich in Zukunft weiterhin für dieses besondere Projekt einsetzen: "Wer seine eigene Geschichte nicht kennt, der kann weder die Gegenwart und noch weniger die Zukunft verstehen. Am heutigen Tag bleibt eine große Dankbarkeit, dass solche Menschen uns an ihrem Leben teilhaben ließen."