"Ein Leben in einem Jahr"

Tammy Wong aus Hongkong nahm Abschied an der Heinrich-Böll-Schule / Viele Erfahrungen gesammelt

Tammy überlegt lange. Dann kommt ihr druckreifer und philosophisch angehauchter Satz: "Es war nicht ein Jahr in meinem Leben, sondern ein Leben in einem Jahr." Schöner hätte sie ihre Antwort auf die Frage, welches Fazit sie zum Abschied nach ihrem Deutschlandaufenthalt ziehe, nicht in Worte kleiden können. Tammy Wong kehrte nach fast einem Jahr in Deutschland in der vergangenen Woche nach Hongkong zurück. Mehrere Monate verbrachte sie bei ihrer Gastfamilie Zähringer in Mörlenbach und an der Heinrich-Böll-Schule in Fürth. Die integrierte Gesamtschule verabschiedete das sympathische Mädchen auf sehr herzliche Weise.
Am 6. September 2013 landete der 16jährige Teenager in Deutschland. Bis November lebte sie bei einer Gastfamilie in Dresden, ehe sie der weitere Weg nach Aschaffenburg führte. Dort blieb sie bis zum 5. März. Ab diesem Zeitpunkt lebte sie bei Familie Zähringer und besuchte täglich die Heinrich-Böll-Schule. Mitten aus der pulsierenden Weltmetropole Hongkong ins beschauliche Mörlenbach im ruhigen Odenwald: Extremer hätte der Wohnortwechsel nicht ausfallen können. Tammy vermisste keineswegs das Stadtleben. Sie habe sich, betont sie mit einem freundlichen Lächeln, überall in Deutschland sehr wohl gefühlt.



Tammy in "ihrer" Klasse


Ein Grund dürfte der fehlende Stress gewesen sein, denn in Hongkongs Schulen bleibe keine Zeit für Freunde oder Hobbys. "Wir müssen viel mehr Hausaufgaben erledigen und uns ständig Prüfungen unterziehen", erzählt Tammy. Es klingt, als beneide sie die deutschen Schüler. Die Tatsache, dass deutsche Schüler keine Schuluniform tragen müssen, erwähnt sie dagegen eher beiläufig. Ein größeres Augenmerk richtete sie hingegen auf das Lehrer-Schüler-Verhältnis an der Heinrich-Böll-Schule. Es seien durchweg "sehr nette und freundliche Lehrer", die mit ihren Schülern auf verständnisvolle Weise umgingen.
Tammy analysierte jedoch nicht nur das Geschehen in der Schule, sondern auch profane Dinge wie das deutsche Essen. Es gebe, stellt sie voller Anerkennung fest, viele Wurstsorten, jede Menge Brötchen und "sehr viele Kartoffeln". Und wie hat der Teenager die Deutschen erlebt? Ihre Antwort kommt prompt: "Die Menschen sind freundlich, nett und hilfsbereit."
Sicherlich verhielten sich die Personen, mit denen Tammy Kontakt hatte, auch deshalb so, weil sie ein liebenswertes Mädchen kennen lernten. Ihre Deutschkenntnisse, ihre Kommunikationsbereitschaft und ihr sympathisches Wesen trugen dazu bei, dass Tammy sofort viele Freundschaften - auch in der Klasse 9/1 - knüpfte. Naomi Schäufele sowie Eva und Jacqueline Pfeifer kümmerten sich intensiv um die Gastschülerin, die den Unterricht mit großem Interesse verfolgte. Beeindruckt waren die Neuntklässler und deren Klassenlehrerin Irene Ebert von einer souveränen Power-Point-Präsentation Tammys über ihre Heimat Hongkong.
"Tammy war eine sehr angenehme Schülerin und in vielerlei Hinsicht eine Bereicherung für meine Klasse", konstatiert Klassenlehrerin Irene Ebert beim Abschied. Stufenleiter Willi Gramlich ließ es sich nicht nehmen, der Gastschülerin zum Abschied alles Gute zu wünschen.
Zum Andenken an ihren Aufenthalt in Deutschland erhielt das Mädchen aus Hongkong eine Deutschlandfahne mit den Unterschriften aller Schüler der Klasse 9/1. Die Flagge bekommt einen Ehrenplatz in Tammys Zimmer. Das Symbol der Freundschaft und Verbundenheit wird sie ständig an ein ehrgeiziges Vorhaben erinnern: "Ich will später in Deutschland studieren", verriet die junge Hongkongerin abschließend mit fester Überzeugung in der Stimme.